"Farben, die schmecken"

Wie wirken Farben auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit? Lassen sie sich riechen und schmecken? Welche Farben und Materialien liegen künftig im Trend? 402 Aussteller aus 26 Ländern stellen auf der FAF FARBE, AUSBAU & FASSADE ihre neuesten Entwicklungen und Produkte vor.

Prof. Dr. Axel Buether, Farb- und Trendforscher aus Wuppertal, verrät im Interview, welche Macht Farben auf Menschen ausüben und wie sich aromatische Wohlfühlwelten in den eigenen vier Wänden gestalten lassen.

"Das größte Kommunikationssystem der Erde"

Herr Prof. Buether, welche Macht üben Farben auf uns aus? Wie wirken sie auf unser Verhalten?

Prof. Axel Buether: Dass wir Farben sehen ist kein Zufall, sondern eine äußerst nützliche Erfindung der Evolution, an der wir mit vielen anderen Lebewesen teilhaben. Die Farben der Natur bilden das größte Kommunikationssystem der Erde, das Orientierung bietet, denn jede Farbe hat ihre Bedeutung.

Farben erleichtern uns die Suche gesunder und bekömmlicher Nahrung. Sie machen unsichtbar, was immer wir verstecken wollen und heben hervor, was von Bedeutung ist. Farben sind ein Statussymbol und spielen eine große Rolle bei sozialen Interaktionen.

Am wichtigsten sind Farben jedoch für die Bildung der eigenen Identität. Farben haben eine erstaunlich große Macht auf unser Verhalten, da sie auf unsere Emotionen, wie unseren Verstand wirken.

Wie können wir von dieser Macht profitieren?

Prof. Axel Buether: Da wir Farben zu 99 Prozent unbewusst wahrnehmen, werden wir davon gesteuert, ohne es wirklich zu bemerken. Wir können etwas für unsere Gesundheit tun, wenn wir die individuell richtigen Farben für unsere Ernährung, unsere Wohnung und unsere Einrichtung wählen.

Wir haben gerade die weltweit größte Studie zu den "Farben der Gesundheit" im Helios-Universitätsklinikum Wuppertal beendet und konnten nachweisen, dass die neuen Raumfarben den Verbrauch wichtiger Medikamente auf zwei Intensivstationen um durchschnittlich 30 Prozent gesenkt haben. Das betrifft vor allem die Neuroleptika, welche bei Unruhe, Aggressionen und Angstzuständen gegeben werden.

Die richtigen Farben am richtigen Ort können Leben retten. Im Alltag ist die Farbwahl selten riskant, doch es tut uns in jedem Fall gut, wenn wir zu Hause besser entspannen, regenerieren und auftanken können oder am Arbeitsplatz konzentrierter und leistungsfähiger sind.

Prof. Dr. Axel Buether

Prof. Dr. Axel Buether, renommierter Farbforscher, Architekt und Designer, begleitet die Blogger-Runde über die Messe.

Er arbeitet im Bereich Raumwahrnehmung, räumliche Kommunikation und Gestaltung sowie als Praktiker im Feld von Szenografie und Medienkunst.

Er ist Professor für die Didaktik der Visuellen Kommunikation und leitet das Forschungslabor für Farbe, Licht und Raum an der Bergischen Universität Wuppertal.

Als Vorstandsvorsitzender des "Deutschen Farbzentrums e.V." organisiert Prof. Dr. Axel Buether internationale wissenschaftliche Konferenzen und ist weltweit als Berater, Gutachter und Referent tätig.

Buether und die Blogger

Am Mittwoch, 20. März 2019 um 10 Uhr führt Prof. Axel Buether Journalisten und Blogger über die FAF FARBE, AUSBAU & FASSADE und stellt die Trends der Branche vor.

"Wenn Farben lecker aussehen, fährt das Gehirn den Blutzuckerspiegel nach unten"

Inwiefern beeinflussen Farben unsere Ernährung?

Prof. Axel Buether: Farben wirken nicht nur auf den Sehsinn, was gemeinhin angenommen wird, sondern auch auf unseren Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn. In der Kindheit lernen wir die Welt kennen, erfahren, dass Menschen, Dinge und Räume ganz unterschiedliche Eigenschaften haben. Später reicht es uns, wenn wir hinschauen.

Kinder weigern sich etwas zu essen, wenn ihnen das, was sie sehen, keinen Appetit macht. Farben spielen hierbei die entscheidende Rolle, da sie von Natur aus dazu da sind, uns bei der Auswahl gesunder und bekömmlicher Nahrung zu beraten.

Wenn die Farben lecker aussehen, fährt das Gehirn den Blutzuckerspiegel nach unten und regt die Bildung von Verdauungssäften an. Wir bekommen Appetit. Das Ganze funktioniert natürlich auch andersherum. Von Farben kann uns auch unwohl werden. Die richtige Farbwahl ist immer Geschmackssache.

Was ist für Sie die leckerste Farbe?

Prof. Axel Buether: Ich habe Millionen Bilder von Nahrungsmitteln machen lassen und diese anschließend nach Farben sortiert. Die leckerste Farbe ist eindeutig Braun. Braun fühlt sich nicht nur fantastisch an, es riecht und schmeckt auch unwiderstehlich.

Exotische Genussmittel wie Schokolade, Kaffee, Tee und Tabak oder Gewürze wie Zimt, Muskatnuss, Pfeffer, Nelken oder Anis besitzen neben ihren prägnanten tiefbraunen Farbtönen einen starken aromatischen Geruch und einen würzigen bis bittersüßen Geschmack.

Den typisch braunen Nussgeschmack verbinden wir mit Haselnüssen, Walnüssen und Mandeln oder Edelkastanien. Darüber hinaus rösten, grillen, braten und backen wir viele Gerichte, bis sie einen unwiderstehlich leckeren Braunton annehmen.

Aromatische Brauntöne machen geradezu süchtig, und das längst nicht nur in der Küche. Mit diesen wundervollen aromatischen Brauntönen können Sie in jedem Raum eine Wohlfühlatmosphäre kreieren, die anregend, belebend und natürlich wirkt.

Untersuchungen zeigen, dass große Städte eine eigene farbliche Identität besitzen. Werden Farben je nach Region anders wahrgenommen?

Prof. Axel Buether: Die Farbpräferenzen jedes Menschen werden in der Kindheit geprägt. Ich spreche in diesem Zusammenhang gerne von Farbheimat. Die Farbtöne der Natur haben großen Anteil an den regionalen Farbklängen, die bei jedem Menschen Gefühle von Vertrautheit und Geborgenheit auslösen.

Genauso identitätsbildend wirken die Farben des Kulturraums. Dazu zählen die Farben von Architektur, Design, Handwerk und Kunst, aber auch die vertrauten Farben von Plätzen und Straßen, Innenräumen und Einrichtungen, von Kleidungen und Gebrauchsobjekten.

Die Suche nach der "Farbheimat"

Wie wirken regionale Farbpräferenzen auf die Fassadengestaltung?

Prof. Axel Buether: Architektonische Räume sind keine Boxen, sondern Atmosphären, die sich im Wechselspiel von Licht und Material bilden. Farben werden zu Fassaden, wenn wir wahrnehmen, wie sich das Sonnenlicht an der Oberfläche bricht. Kaum jemand berührt Fassaden mit der Hand.

Wir ertasten die haptischen Qualitäten der Oberflächen fast ausschließlich mit dem Blick. Farbe ist das Sinnesmedium, mit dem wir die stofflichen wie auch die atmosphärischen Qualitäten von Räumen wahrnehmen.

Wenn sie auf der Suche nach Farben sind, in denen sie sich sicher, behütet und geborgen fühlen, dann suchen sie nach ihrer Farbheimat. Für mich sind das längst nicht mehr nur die vertrauten Farben meines Geburtsortes, sondern auch die Farben der Städte, in denen ich gerne gelebt habe. Einen wichtigen Teil meiner Farbheimat bilden auch die vielen faszinierenden Farben, die ich auf Reisen entdeckt und im Gedächtnis bewahrt habe.

Die Wünsche werden immer individueller. Was muss der Handwerker tun, um diesen Wünschen gerecht zu werden? Ihr persönlicher Tipp für die Praxis?

Prof. Axel Buether: In der Vergangenheit haben sich Handwerker mit der Theorie und Praxis ihres Gewerkes beschäftigt und waren Experten in ihrem Bereich. Mit der Trennung von planenden und ausführenden Berufen vor einigen Jahrzehnten hat sich das grundlegend geändert.

Die meisten Architekten und Designer verstehen heute nicht viel von den praktischen Problemen der Farbe, ihrer Materialität, Verarbeitung und Langlebigkeit. Handwerker hingegen sind selten in der Lage, ihre Kunden umfassend zu beraten, da ihnen grundlegende farbwissenschaftliche Kenntnisse fehlen.

Farben sind nicht nur Dekoration, sondern sie erfüllen wichtige biologische und kulturelle Funktionen und wirken hierdurch sehr stark auf das Erleben und Verhalten jedes Menschen. In den vorhandenen Farblehren wird der Stand der Farbforschung leider nicht ausreichend vermittelt, weshalb ich Planern wie Handwerkern auch keinen Vorwurf mache.

Das Wissen um Farbkontraste und Farbsymboliken reicht nicht aus, um wirksame Farbkonzepte zu entwickeln. Der Ball liegt eindeutig im Feld der angewandten Farbforschung, also bei Experten wie mir. Interessenten können sich in neuen Publikationen, Vorträgen, Fachtagungen oder auf Messen, wie auf der FAF, fortbilden und informieren.